Umwelt

Wie der Klimawandel auf die Psyche schlägt

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Die Erderwärmung bringt nicht nur Fluten, Dürren und Stürme mit sich. Sie belastet auch die psychische Gesundheit der Menschen. Das betrifft nicht nur ferne Länder.

Polarkälte in gemässigten Breiten, während es am Polar taut. Dürren, Stürme und immer wieder Sturmfluten. Extreme Wetterereignisse mehren sich. Sie setzen nicht nur Natur und Tieren zu, sondern auch dem Menschen. Der Klimawandel bringt Verletzungen, Krankheiten, Tote. Dabei werde ein Aspekt unterschätzt, warnen Psychologen und Psychiater: Die Naturgewalten können auch das seelische Wohlbefinden aushebeln.

Was macht es mit Menschen, wenn eine Flut über ihr Zuhause rollt? Wie wirken sich Dürren auf die Lebenslust aus? Macht der Klimawandel gar psychisch krank? “Die Forschung zu den psychischen Folgen des Klimawandels steht noch am Anfang, die komplexen Zusammenhänge sind nur ansatzweise erforscht”, sagt Psychologin Susanne Kraft vom Bezirkskrankenhaus Günzburg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II der Universität Ulm. Sie ist Mitgründerin der Allianz Klimawandel & Gesundheit, die auf die körperlichen und psychischen Folgen der Veränderungen aufmerksam machen möchte.

Konkret wird das Thema im Fall extremer Wetterereignisse wie der Hurrikan Katrina in den USA. Jeder zweite, über den der Sturm hinwegfegte, entwickelte in den folgenden Monaten eine Depression, eine Panik- oder Angststörung. Jeder sechste wies Anzeichen für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auf, eine Erkrankung, wie sie Soldaten nach einem Kriegseinsatz entwickeln oder Menschen, die gefoltert wurden.

Jedes fünfte Flutopfer klage über Depressionen, 25 Prozent litten an einer Angststörung
Nicht wenige versuchten in den Monaten nach dem Desaster ihr Leid mit Alkohol oder Drogen zu betäuben. Anderthalb Jahre nach Katrina erwogen mehr als doppelt so viele Menschen wie zuvor einen Suizid. Forscher aus Europa bezeugen mittlerweile ähnliches für Flutopfer in Grossbritannien. Sie befragten ein Jahr nach der Überschwemmung im Winter 2013/2014 mehr als 2000Flutopfer. Jeder fünfte von ihnen wies eine Depression auf, mehr als jeder vierte eine Angsterkrankung und mehr als jeder dritte eine PTBS, manche auch mehrere dieser Störungen.

Aber es sind nicht nur die plötzlichen, brachialen Ereignisse, die den Menschen zusetzen. Der Klimawandel bringt auch eine schleichende Not. So gingen vor rund zehn Jahren die Suizidraten unter australischen Bauern in Folge einer anhaltenden Dürre deutlich nach oben. Ebenso beobachten Wissenschaftler in indigenen Gemeinden der Polarregionen steigende Selbstmordraten, Sucht und Hoffnungslosigkeit.

Psychologen führen dies auch auf das sich wandelnde Klima zurück. Sowohl den Bauern als auch den indigenen Völkern entzieht die globale Erwärmung nach und nach die Lebensgrundlage. Keine Ernte, kein Job, keine Einnahmen, kein Essen, kein Leben als Farmer. Die Dürre kommt einem Identitätsverlust gleich.

Waren klimabedingte Veränderungen mitverantwortlich für den Bürgerkrieg in Syrien?
Ein Prozess, wie ihn auch die indigenen Völker erfahren, die seit Jahrhunderten in der Arktis wohnen. Jagen, fischen, ernten: Die Inuit leben mit der Natur. Sie spüren jede Veränderung in Temperatur, Böden und Eis. Und: Sie befürchten mehr denn je den Verlust ihrer Heimat. “Wir sind Menschen des Eismeeres. Wenn es aber kein Eismeer mehr gibt, wie können wir dann noch die Menschen des Eismeeres sein?”, zitiert die kanadische Umweltforscherin Ashlee Cunsolo einen Inuk. Ohne das Eis zu leben, sei wie nicht atmen zu können, heisst es. Es gebe ihnen das Gefühl, verloren zu sein, oder mache sie verrückt.

Inuit-Gemeinden in Kanada haben eine bis zu elfmal so hohe Suizidrate wie andere Bevölkerungsgruppen im Land. Das ergab eine Erhebung der Organisation Inuit Tapiriit Kanatami, die Kanadas Ureinwohner vertritt. Für diese Zahlen gibt es vielerlei Gründe. Die Veränderung in der Natur, meinen kanadische Forscher, ist einer davon.

Was Forscher über den Klimawandel wirklich wissen
Wissenschaftler haben mittlerweile sogar einen Begriff für das Gefühl, das entsteht, wenn einem die Heimat fremd wird oder verloren geht: Solastalgie. Angelehnt an Nostalgie soll der Begriff eine Art Heimweh umschreiben, das durch den Klimawandel ausgelöst wird. Es bedroht das Zugehörigkeitsgefühl, die eigene Identität und das Kontrollempfinden.

Die Berichte von australischen Farmen, die Erzählungen der Inuit, aber auch eine Erhebung aus Grossbritannien scheinen das zu untermauern. Briten, die bei den Fluten 2013/2014 ihr Haus verloren haben, glitten eher in eine Depression und erkrankten eher an einer Angst- oder Traumastörung als andere Flutopfer, deren Heim noch bewohnbar war.

Mehr Gewalt nach Naturkatastrophen
Auf Dauer könnte nicht nur das seelische Wohlbefinden leiden, sondern auch das Miteinander rauer werden – und das wiederum zusätzlichen Ballast für die Seele erzeugen. Das von der US-Regierung initiierte US Global Change Research Program berichtet von mehr Gewalt in Kommunen, die von einer Naturkatastrophe heimgesucht wurden.

Vor allem die Fälle häuslicher Übergriffe gegen Frauen und Kinder stiegen dann an. Warum das so ist, dafür gibt es viele Theorien. Sie reichen von Überforderung bis zum Versuch der Täter, wieder ein Gefühl von Kontrolle über etwas oder über andere zu erlangen.

Doch nicht nur zerstörerisch einschlagende Desaster fördern Aggressionen. Schon Hitzewellen können streitsüchtiger machen. Steigen die Temperaturen in unerträgliche Höhen, erhitzt das wortwörtlich die Gemüter. Das zeigen Experimente aus mehreren Jahrzehnten. Hitze blockiert logisches Denken, lässt Menschen ungehalten werden, und teilweise gewalttätig.

Der Politikwissenschaftler Matthew Ranson rechnet daher schon jetzt in den USA mit 340 zusätzlichen Morden und 18 000 Fällen schwerer Körperverletzung mehr pro Jahr, die durch vermehrte Hitzewellen ausgelöst werden. Seine Hochrechnung basiert auf Kriminalitäts- und Klimadaten der Jahre 1960 bis 2009 aus den gut 3000 Landkreisen der USA.

Betrifft es nur andere Länder? Nein, der Wetterdienst misst längst mehr Fluten in Deutschland
Auch Klimaflüchtlinge und knappe Ressourcen wie Wasser könnten künftig zu Reibungen führen, vielleicht sogar zu Kriegen. Der Bürgerkrieg in Syrien zählt womöglich schon dazu. “Die Dürre in Syrien zwischen 2007 und 2010 basierte auf menschlicher Zerstörung von natürlichen Systemen, die zu Ernteausfällen und grossen Konflikten, Hunger und Verzweiflung führten”, erklärt die American Psychological Association (APA) 2017 in ihrem Bericht “Mental Health and Our Changing Climate”. Auch wenn die Unruhen nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen seien, so legten Untersuchungen nahe, dass die Dürre ein wichtiger Faktor für den Ausbruch des Krieges gewesen sei.

Auch in gemässigten Breitengraden führt der Klimawandel zu feindseligem Denken, wie eine Studienreihe von Psychologen aus Jena, Berlin und Belfast 2012 nahelegte. Wenn Menschen an die möglichen Konsequenzen des Klimawandels erinnert werden, so der Befund, dann werten sie andere Bevölkerungsgruppen ab und neigten verstärkt autoritären Haltungen zu. Sie denken eher in den Kategorien “Wir” und “Die”. Schubladendenken, das Konflikte begünstigt.

Nimmt man sich die Aussichten auf die Zukunft zu Herzen, kann einem durchaus bange werden. Tatsächlich kursiert unter Psychologen bereits der Begriff der Öko-Angst. Die Angst vor all dem, was durch den Klimawandel passieren könnte. Angst vor möglichen Katastrophen, Sorge um die eigenen Kinder und Kindeskinder, die existenzielle Frage, ob der Klimawandel gar das Ende der Menschheit einläutet.

Der US-amerikanische Psychotherapeut Thomas Doherty listet in dem APA-Bericht entsprechende Erlebnisse seiner Klienten auf. Ein schockierender Segeltörn durch die Meere voll mit Plastikmüll; ein Umweltingenieur, den es tief belastet, dass er seinen CO₂-Ausstoss nicht ausreichend reduzieren kann; ein Ranger im Nationalpark, der versucht, guter Dinge zu bleiben, während er tagein, tagaus seinen Gästen vom Schwinden der Sehenswürdigkeiten berichtet. Regelmässig berät er Menschen, die von solchen Erkenntnissen und Erlebnissen tief erschüttert sind.

Nur drei Prozent der befragten Deutschen sehen den Klimawandel als Herausforderung
In Europa ist diese Furcht nicht verbreitet. Hier sind die Menschen bislang eher entspannt, gar sorglos. In einer Umfrage unter Bürgern aus Frankreich, Norwegen, Grossbritannien und Deutschland strotzen die Deutschen vor Gelassenheit.

Nur drei Prozent der 1000 Teilnehmer aus den hiesigen Regionen sehen den Klimawandel als eine der wichtigsten Herausforderungen in den kommenden 20 Jahren. Unter den Norwegern sind es immerhin dreimal, in Frankreich doppelt so viele. Etwa jeder dritte Deutsche macht sich zwar Sorgen um das Klima, aber die Mehrheit der Befragten vermutet, dass die Veränderungen eher andere Länder betreffen.

Haben sie damit recht? Der Deutsche Wetterdienst warnte Anfang März 2018 in einer Meldung, dass es in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen am Ende des 19. Jahrhunderts im Schnitt 1,4 Grad wärmer geworden sei und Extremwetterereignisse wie Stürme, Fluten und Hitze messbar häufiger auftreten.

Die Psychologin Maxie Bunz und ihr Kollege, der Humanökologe Hans-Guido Mücke, vom Umweltbundesamt mahnen, die Lage nicht zu unterschätzen. In einem Bericht im Bundesgesundheitsblatt betonten sie 2017, der Klimawandel zeige “aus psychologischer Perspektive gewisse Gemeinsamkeiten mit anderen Risikodomänen wie atomaren Bedrohungen, Terrorismus und nichtklimawandelbedingten Naturkatastrophen”.

Wie steht es aber nun um die seelische Verfassung der Deutschen? Die meisten Studien zu den psychischen Auswirkungen des Klimawandels kommen bisher aus weit entfernten Regionen wie den USA, Afrika oder Australien, wo die Folgen der globalen Erwärmung bereits deutlicher zu sehen und zu spüren sind.

 

Quellennachweise: 

  • http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/gesundheit-wie-der-klimawandel-auf-die-psyche-schlaegt-1.3954595

 

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